Dissoziative Identitätsstörung


Ich bin „Viele“. Das bedeutet, wir sind ein System aus Kleinkindern, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, aus weiblichen und männlichen Persönlichkeiten, die sich einen Körper teilen. Ich, Johanna, bin die „Gastgeberin“ und meistens diejenige, die in Kontrolle ist. Manche von uns sind in einem Alter stecken geblieben, in dem wir traumatisiert wurden. Andere tragen schlimme Erinnerungen und sind damit aufgewachsen. Wieder andere sind im Gegenzug nicht traumaassoziiert. Die verschiedenen Anteile/Innies tragen unterschiedliche Erinnerungen und haben unterschiedliche Charaktereigenschaften, Stimmfarben, Handschriften, Vorlieben, Fähigkeiten und Wünsche.

 

Untereinander können wir nur sehr bedingt miteinander kommunizieren, mit ein paar wenigen klappt es manchmal besser, mit den meisten besteht aber kein Kontakt. Manchmal schaffen wir es, uns über ein Kommunikationsbuch auszutauschen. In meinem Kopf ist es oft sehr laut und durcheinander, weil die Innies (Innenpersönlichkeiten) untereinander reden, streiten und alltägliche Dinge kommentieren. Mehrere Stimmen von Innen zu hören, ist anstrengend und verwirrend, weil ich auch nicht immer verstehe, was gesagt wird. Man kann es sich so vorstellen, als würde man in einem vollen Raum stehen und alle Menschen redeten murmelnd durcheinander. Zwischendurch kann man einige Gesprächsfetzen verstehen aber hauptsächlich ist es ein hoher Lärmpegel. Stimmen zu hören, die von Innen kommen, sollte man aber auf gar keinen Fall mit der Schizophrenie verwechseln. Die DIS und Schizophrenie werden leider immer noch oft in einen Topf gesteckt, obwohl die Erkrankungen nichts miteinander zu tun haben.

 

Der Fachliche Name heißt Dissoziative Identitätsstörung, (abgekürzt DIS) früher wurde es Multiple Persönlichkeitsstörung genannt. Die DIS ist eine sehr schlaue Überlebensstrategie (keine Persönlichkeitsstörung), die manche Kinder vor dem ca. fünften Lebensjahr brauchen, wenn sie über lange Zeit von Vertrauenspersonen schwerst misshandelt werden. Dabei spaltet sich die Seele in verschiedene Anteile auf, um die traumatischen Erlebnisse bewältigen zu können. So kann es vorkommen, dass man einem Kind und später der Person nie ansieht, dass sie misshandelt wird oder wurde, weil die Person einfach keine Erinnerungen von den Erlebnissen trägt. 

 

Die DIS möchte nicht auffallen. Ich wusste z. B. erst seit 2015 das ich Viele bin. Nachdem sich ein Innie in der Therapie meiner Psychologin zeigte und sie daraufhin Fragebögen und Diagnostik mit mir durchging, bis ca. ein dreiviertel Jahr später die offizielle Diagnose gestellt wurde. Die mittlerweile von mehreren Ärztinnen bestätigt wurde. Ich hatte schon immer u. A. Zeitlücken und verschiedene Stimmen in meinem Kopf die unterschiedliche Dinge wollten, aber mir war nicht bewusst, dass es abgespaltene Anteile waren. Auch Anderen ist es aufgefallen dass ich zwischendurch ganz „anders“ war, es wurde immer davon ausgegangen, dass das extreme Stimmungsschwankungen sind, aber dem war nicht so. Nachdem meine Psychologin Verdacht geschöpft hatte und anfing mit mir darüber zu reden, fassten immer mehr Innies Mut und gaben sich preis.