Ein Lebensabschnitt endet

Es bahnte sich schon seit langem an. Ich wusste, dass das Therapieende auf mich zukommt, bei jedem Termin sprach meine Therapeutin das Thema an. Nun ist es klar, meine Therapeutin, mit der ich seit 2012 zusammenarbeite, beendet unser therapeutisches Verhältnis. 

 

Es fing alles im Sommer 2012 an. Die Depression und Lebensmüdigkeit hatten mich fest im Griff. Als ich in einer akuten Krisensituation war, überließ mir meine Mutter ihren Therapieplatz bei ihrer Psychotherapeutin, mit der hatte ich zwei Gespräche, bis sie mich an meine Psychotherapeutin Frau S. weitervermittelte, die eher mit jungen Patienten arbeitete. Sie führte ein Gespräch mit mir, danach ging ich in die Akutpsychiatrie, weil ich sehr gefährdet war. Während des dreiwöchigen Klinikaufenthaltes hielt sie stets den Kontakt zu mir. In der Akutpsychiatrie ging es mir noch schlechter als vorher. Von Frau S. wurde ich aufgefangen und sie veranlasste, dass ich in kürzester Zeit in eine andere Psychiatrie aufgenommen wurde, in der ich vier Monate Hilfe bekam.

 

Als ich mit den Diagnosen Depression und Borderline Persönlichkeitsstörung entlassen wurde, begann die ambulante Psychotherapie bei Frau S. Ich brauchte eine Eingewöhnungszeit, bis sie mein volles Vertrauen gewinnen konnte. Wir arbeiteten wöchentlich an Skills und Möglichkeiten, wie ich mir in schwierigen Situationen helfen kann. In Krisensituationen durfte ich sie auch nachts und an Wochenenden immer anschreiben und sie enttäuschte mich nie. Sie wurde zu einer der wichtigsten Vertrauenspersonen. Sie lernte, wie sie mit mir umgehen kann und ich durfte einfach "sein".

 

Das einzige Thema, das nie angesprochen werden durfte, war meine Vergangenheit. Wir kümmerten uns immer nur um das Hier und Jetzt. Irgendwann wurde aber immer deutlicher, dass wir um das brennende Thema nicht herumkommen. Aber sobald Fragen aufkamen, zog der Mechanismus Dissoziation an. In dem nicht funktionierenden Therapiezustand verharrten wir eine ganze Weile. Ich verstand nicht, warum wir so völlig stillstanden. 

 

Frau S. fragte mich bei jedem Treffen, was ich am Wochenende getan habe, da gab es immer nur große Fragezeichen. Ich konnte mich einfach nicht daran erinnern. Bei jeder Frage zu meiner Vergangenheit geriet ich in dissoziative Zustände. Ein paar wenige schlimme Erinnerungen konnte und kann ich nicht aussprechen. Aber es wurde auch immer klarer, dass ich nicht alles aus meiner Kindheit weiß. Frau S. forschte und fragte ihre Kollegen. Sie fing eine Fortbildung bei Michaela Huber an, eine der führenden Psychotherapeutinnen in dem Thema Dissoziation und Trauma.

 

Bis ich eines Abends in einer Krise einen Notfalltermin bei Frau S. hatte. An dem Abend offenbarte sich zum ersten Mal ein Anteil. Frau S. war sich zuerst nicht sicher, was das genau war. Ich war sehr überrascht, denn mir fehlten jegliche Erinnerungen an den Vorfall. Ab dem Punkt schöpfte Frau S. Verdacht, dass da noch mehr unter der Oberfläche brodelt. Über Monate gingen wir verschiedene Fragebögen durch. Mit dem Reden und Fragen bekamen immer mehr Anteile Mut und fingen an, mit Frau S. zu reden. Plötzlich war da ein offenes Loch ohne Boden, das nicht mehr verschlossen werden konnte. Es konnte nicht mehr verheimlicht werden. Es kristallisierte sich heraus, dass ich abgespaltene Anteile habe. Die immer lauter wurden, nachdem wir ihnen die Tür geöffnet hatten. Mir fiel bzw. fällt es immer noch sehr schwer, das anzunehmen und zu verstehen. Frau S. hat mich durch diese unbeschreiblich verwirrende und komplizierte Zeit begleitet und mir einfühlsam erklärt, dass ich eine Dissoziative Identitätsstörung habe. Die eigenartigen Gedanken, die mich seit Anbeginn begleiteten, die unterschiedliche Dinge wollten und meinen Alltag und mich kommentierten, waren keine Gedanken, sondern Stimmen von Anteilen. 

 

Ich war Frau S.‘ erste Patientin mit einer DIS. Gemeinsam mit Fortbildungen, Supervisionen, mir und allen, die sich den Körper mit mir teilen, lernte und arbeitete sie sich in dieses komplexe Thema rein. Aber sie machte von Anfang der Diagnosestellung an deutlich, dass sie es mit mir versucht. Aber sich auch vorbehält, mich an eine erfahrenere Therapeutin weiterzuleiten, sollte sie sich dem nicht gewachsen fühlen. Wir hatten einfach ein extrem gutes therapeutisches Verhältnis. 

 

Letzten Sommer entschied ich mich, trotz meiner schlechten Erfahrungen noch einmal in eine Klinik zu gehen und ins betreute Wohnen zu ziehen. Frau S. hat unermüdlich mit Ärzten telefoniert und versucht, mich in einer geeigneten Klinik unterzubringen. Lange Zeit war das ohne Erfolg. Nicht nur ich, sondern auch Frau S. bekamen ständig "Nein" zu hören. Bis sie mit einer Oberärztin aus der Psychosomatischen Fachklinik in Simbach am Inn Kontakt aufnahm. Sie besprach meinen komplexen Fall mit ihr und schaffte es, mir einen dreiwöchigen Probeaufenthalt im März/April 2017 bei einer sehr erfahrenen Ärztin zu organisieren. Bei diesem Aufenthalt wurde die von Frau S. gestellte DIS Diagnose bestätigt.

 

Nach dem Klinikaufenthalt kam ich aber wieder ins gleiche Umfeld zurück. Mir ging es stetig schlechter. Bis ich es nicht mehr schaffte, aus Angst und wegen der psychischen Lähmung, zu Frau S. in die Praxis zu gelangen. Nach einer Zeit des Überlegens stimmte Frau S. Hausbesuchen zu. Richtige Therapie konnten wir schon lange nicht mehr machen, wir führten nur 25-Minütige unterstützende Gespräche. Wir befanden bzw. sind in einer Sackgasse. Frau S. sagte selber, dass sie ratlos ist, wie sie mich unterstützen kann und dass ich jetzt dringend eine erfahrenere Therapeutin brauche.

 

Spätestens im Februar 2018 darf ich wieder in die Klinik in Simbach. Ein Klinikaufenthalt in einer anderen Klinik in Dresden ist im Gespräch. Fest steht aber, dass unsere Zusammenarbeit mit dem Beginn eines Klinikaufenthaltes endgültig zu Ende ist. Wenn es irgendwie möglich ist, soll ich nach einer Therapie in einer Klinik nicht zurück nach Hause gehen, sondern in eine Einrichtung ziehen. Die Idee erscheint mir aber sehr aussichtlos, wie man in vorherigen Blogbeiträgen schon lesen konnte. Schließlich suche ich schon seit über einem Jahr erfolglos.

 

Ich habe keine Ahnung, wo ich nach der Klinik wohnen werde, somit weiß ich auch noch nicht, in welcher Stadt oder Bundesland ich nach einer neuen Therapeutin suchen soll. Das Gute ist, dass die Klinik in Simbach am Inn ein Entlassungsmanagement hat und sie sich damit verpflichten, mir einen Wohn- und Therapieplatz zu besorgen. Ob das wirklich klappt, wage ich noch zu bezweifeln, denn einen Therapieplatz zu finden ist schwierig und beinhaltet meistens lange Wartezeiten.

 

Ich musste das Ganze einfach einmal runterschreiben. Mir geht es sehr schlecht mit der Situation. Ich verliere eine wichtige Vertrauensperson, die ich in Notsituationen immer anschreiben durfte. Frau S. ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich denke, zum Schluss wurde die Beziehung doch etwas zu eng, denn Frau S. ist sehr involviert. Es gibt keine Worte dafür, wie dankbar ich ihr bin. Sie war fünf Jahre an meiner Seite. Der Verlust macht mich wirklich traurig, ich glaube, ich werde einige Zeit brauchen, um das zu verarbeiten. Vielleicht ist es aber auch eine Chance, noch umfangreichere Unterstützung zu bekommen. Aber das tut weh!

 

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