Körperhygiene und komplexe Traumafolgestörung

Ein schwieriges Thema. Da redet man doch nicht drüber... Ich weiß nicht, wie es bei anderen Betroffenen ist und es ist ganz sicherlich nicht mein Anliegen, alle über einem Kamm zu scheren, aber Körperhygiene ist bei mir, als psychisch Kranke mit einer komplexen Traumafolgestörung, sehr wohl ein großes und durchaus problematisches Thema. Das möchte ich nun mal versuchen zu erklären! Vorerst möchte ich aber alle Betroffenen vor möglichen Triggern warnen.

 

So, los geht's. Täglich duschen, baden, Zähne putzen, Haare waschen ist sicherlich für die meisten Menschen etwas ganz Alltägliches, worüber nicht viel nachgedacht wird. Und wenn man auf der Straße jemanden mit fettigen Haaren sieht, denkt man sich vielleicht sogar: "Ihh die hat ungewaschene Haare, wie peinlich!". Nicht nach Blümchen duftende Menschen, deren Haare nicht leicht im Wind wehen, werden da schnell verurteilt. Für mich persönlich sind die aufgeführten Tätigkeiten eine Mammutaufgabe, die viel Kraft, Energie und oft auch Tränen kostet. Manches davon ist mir sogar schier unmöglich! 

 

Ja, ich habe seit Sommer letzten Jahres nicht mehr geduscht. Ja, meine Haare werden in 'guten' Zeiten nur einmal in der Woche gewaschen, in schlechten wie z. B. diesen Januar haben wir es ganze zwei Mal geschafft. Ja, ich schaffe es nicht täglich, mir die Zähne zu putzen oder mein Gesicht zu waschen. Klar ist mir das unangenehm, natürlich fühle ich mich selber ekelig. Und klar sieht man es mir an. Was würde ich nicht darum geben, duschen zu können oder in die Badewanne zu hüpfen. Ich sehne ich mich danach, mich sauber und gepflegt zu fühlen. Aber leider ist das nicht so einfach.

 

Aber warum ist das so schwer?!

  • Durch die Dissoziative Bewegungsstörung sind nicht nur meine Beine gelähmt, sondern auch mein Oberkörper. Im Rollstuhl habe ich einen Rückhaltegurt, damit ich keine Nasenlandung mache. Aber in der Dusche hält mich nichts. Meine Arme sind ebenfalls sehr schwach, eine volle Shampooflasche zu halten oder mir selber die Haare auszuwaschen.. nein das schaffe ich nicht.
  • Täglich plagen mich am ganzen Körper Schmerzen, die mir die Luft rauben. Mir dann die Haare kopfüber über dem Waschbecken waschen zu lassen, ist da kaum auszuhalten. Sogar meine Haut ist so schmerzempfindlich, dass oft der Kontakt zum Handtuch zu reizend ist.
  • Ich habe einen Traumahintergrund! Man könnte jetzt ja denken, dass mich einfach eine Person beim Duschen aufrecht halten könnte und mir hilft mich zu waschen. Aber nein, ich kann mich vor niemandem ausziehen. Dazu ist das Badezimmer generell schon ein erinnerungsbehafteter Ort. Flashbacks und Körpererinnerungen schlagen dort auch ohne angefasst zu werden schnell mal zu.
  • Mich selber anfassen zu müssen, fällt mir an vielen Tagen schwer. Und löst großen Ekel und Dissoziationen aus.
  • Das Badezimmer und alle Handlungen im Bad sind extrem zwangsbehaftet. Nicht nur Zwangsgedanken, sondern auch -Handlungen nehmen viel Zeit und Platz ein. Eben mal Haare von meiner Mutter über dem Waschbecken waschen zu lassen, ist nicht möglich. Das muss bis ins Detail geplant werden und wehe, eine Reihenfolge oder eine Berührung wird falsch ausgeführt! Alleine für das Händewaschen brauche ich an 'guten' Tagen 15 - 20 Minuten. Menschen, die mir assistieren, werden so gut wie immer mit in die Zwangshandlung eingebaut. Nicht selten endet es mit einer weinenden Mutter, zahlreichen Wiederholungen, Dissoziationen, Selbsthass, Schuldgefühlen und Selbstbestrafungen. Das ist unbeschreiblich anstrengend. Ich versuche wegen der Zwänge z. B. auch so selten wie möglich auf die Toilette gefahren zu werden. Keineswegs gesund, aber manchmal die schonendere Entscheidung.
  • Eine bleierne Depression, die alles dreimal schwerer macht. Sie ist wie eine schwere Decke, die mich ersticken lässt und jegliche Kraft raubt und die Arme, die so schon durch die Dissoziation schon bewegungslahm sind, noch schwerer macht. Eine Zahnbürste halten oder geschweige denn mein Bett zu verlassen, kann ich an manchen Tagen komplett vergessen. Kleinste Handlungen fühlen sich für mich so an, als wäre ich einen Marathon gelaufen.

 

Was will ich eigentlich damit bewirken, so etwas Intimes öffentlich zu teilen? - das frage ich mich gerade selber, während ich schreibe! Vielleicht möchte ich mich für andere Betroffene zeigen, das ist ein persönliches Thema und ich glaube, dass viele im Schweigen kämpfen. Ihr seid nicht alleine! Vielleicht möchte ich Verständnis. Vielleicht möchte ich auch einfach für alle einstehen, die es heute nicht geschafft haben, gestriegelt aus dem Haus zu gehen, sondern den ganzen Tag, wie ich, im Schlafanzug, mit ungewaschenen Haaren und müffelnd im Bett verbringen. Und für die Menschen, die sich, wie ich, schon vor der nächsten Dusche oder Morgenwäsche fürchten. Oder vielleicht möchte ich einfach sagen, ja das gibt es, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass diese Person sich gehen lässt, sondern es ist jemand, der täglich einen inneren Kampf mit sich selber austrägt. Mal gewinnt man gegen die Krankheit und manchmal muss man sich beugen und sich eingestehen, dass man sich etwas Gutes tut, indem man sich versucht zu entspannen und all dem nicht auszusetzen. 

 

Wie kann man sich die Körperpflege etwas leichter machen? Wenn etwas so furchtbar schwer ist, gibt es vielleicht eine kreative Lösung. Bei mir funktioniert das Zähneputzen zum Beispiel leichter, wenn ich im Bett sitze, von weichen Kissen abgestützt bin und vor mir auf dem Tablett die Zahnbürste, Zahnputzbecher und eine Schüssel habe. Zum Waschen gibt es Waschlappen. Damit das Haarewaschen am Waschbecken ein bisschen leichter wird, habe ich jetzt eine Armatur mit einem ausziehbaren Schlauch. Für die schmerzempfindliche Haut gibt es sanfte Schaumseife. Meine Haare werden immer zu einem Zopf gebunden, dann fällt es nicht so auf, dass sie strähnig sind und sie stören mich nicht im Gesicht. Die Idee mir eine Glatze zu scheren, habe ich dann doch lieber wieder verworfen. 

 

Wenn ich mich erst überwunden hab und es dann geschafft habe, fühlt es sich saumäßig gut an, auch wenn ich danach total erschöpft und voller Schmerzen bin und mir vor dem nächsten Mal graut.

 

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Susanne Schäfer (Sonntag, 04 Februar 2018 15:58)

    Danke das Du das öffentlich gemacht hast. Ich traue es mir nicht anzusprechen in Gruppen, ob ich die einzige wäre...die so schlecht sich pflegen kann...habe mir schon Stundenpläne gemacht doch es hilft nicht. Bin auch froh wenn ich es dann schaffe zu duschen was dann auch gut tut doch die Nacktheit �. Wünsche Dir alles Liebe.

  • #2

    Janine Berg-Peer (Sonntag, 04 Februar 2018 17:06)

    Ich bin froh darüber, dass Sie darüber schreiben, denn Sie helfen uns Angehörigen oder Freunden damit, besser zu verstehen, wie es Ihnen geht und vielleicht auch vielen anderen Betroffenen.
    Ich bewundere Die Kraft und auch Kreativität, mit der Sie trotz Ihres Leidens.
    Liebe Grüsse und alles Gute für Sie.

  • #3

    Roswitha Göth (Sonntag, 04 Februar 2018 17:54)

    Danke für Ihre ehrlichen Worte! Es ist sicher nicht einfach gewesen damit an die Öffentlichkeit zu gehen, um so auch eine gewisse Toleranz der Mitmenschen einzufordern. Ich wünsche Ihnen Mut und Kraft für Ihre Lebensziele, alles Gute!

  • #4

    Frau Anders (Sonntag, 04 Februar 2018 19:48)

    Ja, dickes danke auch von mir. Mir gehts oft ähnlich, merkt hier nur keiner. Ich löse übrigens das Haarwaschthema
    übrigens seit nem Jahr erfolgreich mit der no poo Methode gepaart mit ab und an mal Trockenshampoo von Batiste (DM) für gut. Was man dazu allerdings braucht ist viel Gebürste. Wenn das also geht, dann kann man sogar Fluffihaare ohne waschen.

  • #5

    Edi (Mittwoch, 07 Februar 2018 08:45)

    Mir fliessen grad so viele tränen...nein ich heule richtig.
    Auch bei mir ist das ein riiiieeessen problem. Und zu wissen dass ich nicht alleine bin berührt mich grad sehr. Danke dass du so offen und ehrlich schreibst.
    Alles kiebe edi

  • #6

    Nightfly (Freitag, 09 Februar 2018 20:32)

    Moin Moin meine Lieben ,
    auch ich "leide" unter einer kPTBS und DIS . Bei uns übernimmt immer einer der Innies die Körperpflege , je nach dem ,wer gerade dazu in der Lage ist. Wir haben z.b auch alle andere Vorlieben bei Shampoo, Duschgel und Co . So haben wir für alle das Passende im Haus . Könnt ihr mit einander bzw untereinander kommunizieren ? Wir führen ein Kommunikationstagebuch und können uns so untereinander austauschen. Im übrigen bilden wir gerade einen Assistenzhund für uns aus, so das wir auch wieder raus gehen können , ohne komplett orientierungslos durch die Gegend zu irren..... lg von der Küste