Gedanken zu Kontaktproblemen

Ich habe vor kurzem einen Artikel von einer anderen Frau gelesen, die wegen ihrer chronischen Erkrankung Schwierigkeiten hat, Freundschaften aufrecht zu erhalten. Was sie schrieb, passte zwar nicht genau auf mich, aber ich habe mir Gedanken über das Thema Kontakte gemacht. 

 

Ich hatte schon immer Schwierigkeiten, Freundschaften einzugehen und zu behalten. Aber seit ich chronisch krank bin, habe ich eigentlich gar keine Freunde und Bekannten mehr. Das liegt nicht nur daran, dass ich nicht „mithalten“ kann: ich erlebe nichts, habe keinen Beruf, keinen Partner oder großartigen Hobbys. Da fehlen einfach die Gesprächsthemen. 

 

Aber darüber hinaus gibt es auch noch ein paar andere Faktoren, die es mir sehr schwer machen, Kontakte zu pflegen. 

 

Meine Konzentrationsfähigkeit ist mangelhaft. Neulich hat meine neue ambulante Betreuerin mir von einem Tag in der Falknerei im Wildpark erzählt. Eigentlich ein voll spannendes Thema! Vielleicht sprach sie ein bisschen zu schnell, vielleicht war es „too much information“, jedenfalls konnte ich ihr überhaupt nicht mehr folgen und habe nur noch bruchstückhafte Erinnerungen. Irgendwann meinte sie, ich solle Bescheid sagen, wenn ich nicht mehr kann und ich brauchte wohl einige Zeit bis ich die Frage überhaupt verstand und sagen konnte, dass es mir reicht; schade eigentlich.

 

Hin und wieder bekomme ich Besuch von meinem Stiefbruder und seiner Freundin, die ich beide mag. Wenn er Geschichten aus seinem Alltag erzählt, ist das mehr oder weniger spannend. Letztes Mal war ich überzeugt, dass ich ihn während er sprach anlächelte. Aber er sagte hinterher zu meiner Mutter, dass er ganz verunsichert war, weil ich so ausdruckslos und abwesend geguckt habe. Das zum Thema Fremd- und Selbstwahrnehmung.

 

Manche Geschichten aus dem Alltag machen mich einfach nur traurig. Es gibt so viele Dinge, die ich so gerne selber machen würde, z. B. im Wald spazieren gehen, an die Elbe fahren, Eis essen gehen, Kino …. Es ist total frustrierend, jemandem zuzuhören, der davon erzählt, aber auf der anderen Seite ist das mein Fenster zur Welt und ich will auch hören, was da draußen so vor sich geht. In solchen Momenten wird mir schmerzlich bewusst, dass ich 24 Stunden ans Bett gefesselt bin und es momentan nicht so aussieht, als ob sich daran jemals was ändern wird. 

 

In gewisser Weise bin ich egozentrisch! Ich meine damit, dass ich so wenig Kraft habe, dass ich mich nur um das kümmern kann, was mich selbst ganz direkt betrifft. Ich interessiere mich zwar für Politik, Klima, Menschenrechte etc., aber da bin ich nur passiv beteiligt. Ich habe überhaupt keinen Nerv für Themen, die in meiner Skala von Wichtigkeit ganz unten stehen. Für mich ist es einfach trivial, dass Urlaubsreisen, Partys und Shopping etc. wegen Corona gerade nicht möglich sind. Für manche Leute ist das sicherlich total wichtig, aber wenn mir jemand davon vorjammert, habe ich dafür kein Verständnis. Triviale Themen sind der Hauptinhalt von Small Talk jeder Art und damit kann ich überhaupt nichts anfangen.

 

Probleme, Sorgen und Schmerzen von anderen Menschen in meinem direkten Umfeld lasse ich überhaupt nicht an mich herankommen. Nicht deswegen, weil mir Menschen generell egal sind, sondern weil mich das Leid anderer komplett überfordert. Es sieht dann so aus, als ob ich total unempathisch wäre, aber es ist nur Selbstschutz. Ich bin generell hochsensibel: wenn mir jemand von Leid und Schmerzen erzählt, dann fühle ich den Schmerz noch zusätzlich zu meinem Packet und das übersteigt meine Kapazität. Da baue ich lieber eine Mauer, was aber natürlich den Kontakt zu Menschen noch mehr erschwert. Deshalb habe ich auch kaum Kontakt zu anderen Betroffenen. Eigentlich wäre es ja ganz gut, sich mit Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, auszutauschen und sich vielleicht auch gegenseitig zu helfen. Das gelingt mir ausschließlich, wenn es um ganz sachliche, nüchterne Fragen geht, dann kann ich anderen mit Tipps und Ratschlägen helfen, aber sobald Emotionen beteiligt sind, bin ich raus.

Allerdings kann ich viele Dokumentationen über Krankheiten, Behandlungsmethoden und Lebensgeschichten sehen. Die Personen, um die es da geht, sind weit weg und niemand erwartet eine Reaktion von mir. 

 

Beim direkten Kontakt über Facebook, Mails und Co zu anderen Betroffenen kommt noch eine Schwierigkeit dazu. Wenn ihr meine Artikel lest, denkt ihr vielleicht, dass ich mit dem Schreiben und Formulieren gut klarkomme und dass es mir leichtfällt. Das ist aber leider gar nicht so. So ein Blogartikel ist immer Teamwork von meiner Mutter und mir. Meistens habe ich eine Idee und ein paar wirre Gedanken im Kopf. Dann bitte ich meine Mutter, mir zu helfen, ganze und verständliche Sätze daraus zu bilden. Wir feilen dann gemeinsam an dem Text, um sicherzugehen, dass meine Mutter meine Gedanken richtig übersetzt. Ohne diese Hilfe würde es meine Webseite nicht geben. Mit E-Mails und Facebook Messenger Chats ist das ganz ähnlich. Sogar mit Menschen, die ich von „früher“ kenne, schaffe ich es nicht, selbstständig und allein zu kommunizieren. Mir einfach nicht zu helfen, würde bedeuten, dass keinerlei Kontakt oder Fortschritt stattfinden würde. „Einfach mal alleine machen lassen“ funktioniert einfach nicht. 

 

Das Beantworten von Mails ist jedes Mal eine größere Aktion. Erstmal freue ich mich über jede Zuschrift. Zuerst überlege ich lange, ob ich den Inhalt richtig verstanden habe. Wenn ich dann mit Hilfe meiner Mutter dabei bin eine Antwort zu formulieren, diskutieren wir lange über jedes Wort, was für uns beide manchmal sehr anstrengend ist. (Ja wir haben gerade 15 Minuten diskutiert, wie es weiter geht.) Wenn ich dann noch zu allem Überfluss einen Smiley einfügen möchte, dauert auch diese Entscheidung ewig. Letztens habe ich 20 Minuten gebraucht zu entscheiden ob ein rotes oder ein grünes Herz angemessener ist.

 

Social Distancing ist ja gerade ein beherrschendes Thema, aber für mich bedeutet das nochmal ganz was anderes. Ich fühle mich oft einsam und habe auf der einen Seite schon das Bedürfnis nach Menschen, aber auf der anderen Seite ist das, was ich hier beschrieben habe, so erschwerend, dass ich mir denke, dass mir das alles viel zu anstrengend ist. Mein Lebensraum ist winzig und die Mauern sind viel zu hoch. Ich wünsche mir sehr, mehr Kapazität und Kraft zu haben, um daran arbeiten zu können, Türen zu öffnen.

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